Warum machen die das?

Dirk Fassbender rettet Kranke, das ist sein Beruf. Nun will er in Sierra Leone gegen Ebola kämpfen. Das ist gefährlich.

Die Freiwilligen und Ehrenamtlichen sind die stillen Helden unserer Zeit. Ohne die 23 Millionen sozial Engagierten wäre in diesem Land kein Staat zu machen. Doch was treibt sie an? Für Christ & Welt in der ZEIT habe ich diese drei Porträts geschrieben und die Protagonisten fotografiert

Wenn Dirk Fassbender einen Einsatz annimmt, weiß er nie, was ihn erwartet. Der 42-Jährige ist Rettungsassistent beim Deutschen Roten Kreuz (DRK). Jeden Tag fährt er mit dem Rettungswagen durch Düren bei Köln, um Menschen zu helfen, die um ihr Leben fürchten. Doch sein nächster Einsatz wird anders. Dieses Mal wird ihn vor Ort kein Herzinfarkt erwarten und auch kein Autounfall. Dirk Fassbender hat sich freiwillig für einen DRK-Einsatz in Westafrika gemeldet. Er wird Menschen behandeln, die sich mit Ebola infiziert haben.
Als ihn im September die Voranfrage für den Ebola-Einsatz aus der DRK-Zentrale erreicht, muss Fassbender schlucken. Den ganzen Abend denkt er darüber nach, ob er sich diesen Einsatz vorstellen kann. Mit einem „eher nein“ geht er ins Bett. Am nächsten Morgen beschließt er, sich freiwillig zu melden. „Ich kann mir den Einsatz nicht aussuchen“, sagt er. Er will nicht zwischen Erdbeben, Flüchtlingslager und Ebola entscheiden. Schließlich habe er auch in Deutschland nicht die Wahl, welche Menschen er behandelt und welche nicht.

„Warum machst du das?“, fragten Fassbenders Kollegen. Schnell hatte sich bei ihnen herumgesprochen, dass er sich freiwillig für den Einsatz gemeldet hat. Ein Kollege wäre am liebsten direkt mitgefahren. Ihm fehlte aber die nötige Qualifikation. Andere waren eher skeptisch, äußerten ihre Sorgen. „Alle finden gut, dass ich das mache“, erzählt Fassbender. Selbst würden seine Kollegen einen solchen Einsatz aber nicht annehmen. Fassbender kann das gut verstehen. Hätte er Frau und Kinder, ginge auch er das Risiko nicht ein. „Soldaten können sich ihren Einsatzort schließlich auch nicht aussuchen“, sagt er. Aber die Frage bleibt: Warum macht er das?

Chef Uwe Möcker begrüßt das Engagement seines Mitarbeiters. Auch wenn ihm dadurch eine Arbeitskraft fehlt, die er für die Dauer des Einsatzes nicht nur ersetzen, sondern auch weiter bezahlen muss. Doch der liebenswürdige Dirk Fassbender bringt dem DRK in Düren gute Publicity. Selten hat sich die Presse so sehr für die Arbeit des kleinen Kreisverbandes interessiert.

Die Aufmerksamkeit schmeichelt Fassbender. Aber darum geht es nicht. „Jeder Einzelne kann die Welt ein kleines bisschen besser machen“, sagt er. Nicht jeder könne schließlich Trinkwasser aufbereiten. Für Fassbender ist jeder ein kleiner Teil eines großen Ganzen. „Andere betreuen Menschen im Hospiz“, sagt er. Für ihn wäre das nichts.

Deutschland ist das Land der Vereine, Schrebergärten und Bürgerbegehren. Aber über 23 Millionen Menschen gehen hierzulande einer Freiwilligentätigkeit nach. Im Durchschnitt tun sie das seit über zehn Jahren. Das ergab eine Studie des Betterplace Lab, die im Auftrag der ING-DiBa durchgeführt wurde. Die Kanzlerin lobt das Ehrenamt. Doch warum eigentlich engagieren sich Menschen freiwillig und unentgeltlich? Warum opfern Millionen jede Woche ihre Freizeit für andere?

Fassbender ist ein Helfer. Sein halbes Leben ist er jetzt schon beim DRK. Damals, mit 19, rief er beim Kreisverband an: „Ich würde gern helfen.“ Seither ist er dabei. Der Impuls, Menschen zur Seite zu stehen, ist für ihn selbstverständlich. Aber auch bei ihm ist dieser Drang nicht 24 Stunden am Tag präsent. Seine Arbeit ist oft auch Routine. Doch dass ihm sein Beruf im Ganzen Spaß macht, ist ihm Beweis genug, mit seiner Berufswahl richtig zu liegen.

Insgesamt 21 Freiwillige des DRK werden in Kürze in Westafrika eingesetzt. 18 in Liberia, drei in Sierra Leone. Gemeldet hatten sich über 1300. Doch nicht jeder ist für einen solchen Einsatz qualifiziert. Gebraucht werden vor allem Ärzte, Kranken- und Gesundheitspflegepersonal, Hebammen, Physiotherapeuten, Pharmazeuten, Labortechniker und Röntgenfachkräfte. Rettungsassistenten werden normalerweise abgelehnt. Doch Fassbender hat sich vor einiger Zeit ehrenamtlich zum Trinkwasseraufbereiter ausbilden lassen und eine zehntägige Schulung der Bundeswehr und des DRK für Auslandseinsätze besucht. Dort wurde er vorbereitet auf Situationen, die ihm in seinem Alltag sonst nicht passieren: Wie verhalte ich mich bei einer Verkehrskontrolle? Wie beim Überfall?

„Es hat mich schon immer ins Ausland gelockt“, sagt Fassbender. Er reist viel. Vor allem zieht es ihn nach Asien. Demnächst will er einmal für vier Wochen nach Thailand, Bali, Singapur und Malaysia fliegen. Seit Jahren braucht der Alleinstehende seinen Urlaub für solche Reisen auf. In Afrika war er noch nie. Für seinen Ebola-Einsatz musste er bereits einen speziellen Vorbereitungskurs absolvieren. In Würzburg wurde ihm und anderen Freiwilligen beigebracht, wie sie den Schutzanzug anziehen, der sie vor der Krankheit schützen soll – bei 42 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit in einem Zelt in Liberia oder Sierra Leone.

Was ihn aber in diesen Ländern genau erwartet, das weiß Fassbender noch nicht. Klar: Er rechnet mit einer ganz anderen Kultur und einem niedrigeren Lebensstandard. Daran jedoch ist er durch seine Reisen in ärmere Länder bereits gewöhnt. Auf ihn wartet viel Arbeit, lange und anstrengende Tage. Die Eindrücke werden ihn auch nach seiner Reise noch beschäftigen. Fassbender hat in seinem Beruf schon einiges gesehen. Doch das Elend, das ihn bei diesem Einsatz erwartet, bedrückt den erfahrenen Rettungsassistent schon vor der Abreise.

„Ebola“, sagt Fassbender, „macht nicht vor Kindern halt.“ Wenn Kinder sterben, die noch ihr ganzes Leben vor sich haben, nehme ihn das immer besonders mit, sagt er. Die Geschichten der Kinder begleiten ihn nach Hause, in den Feierabend. Aber gerade die Kinder motivieren ihn für seinen Entschluss, nach Afrika zu gehen. Sosehr er hofft, keinem infizierten Kind die Hilfe verweigern zu müssen, so sehr beflügelt ihn der Gedanke, auch nur einem von ihnen ein langes Leben zu ermöglichen. Aber was, wenn der Helfer einmal nicht helfen kann? Was, wenn Fassbender, der helfen könnte, einem Kind nicht helfen darf, weil etwa die Station überlastet ist? Dirk Fassbender muss damit rechnen, in Afrika an seine Grenzen zu kommen. Ihm ist klar, Ebola macht nicht vor Helfern halt. Fassbender weiß: Nach dem Job in Afrika wird für ihn einiges anders sein als zuvor.

Ob er Angst habe, sich zu infizieren? „Wenn ich Angst hätte, sollte ich diesen Einsatz nicht antreten!“ Respekt hat er. Man dürfe keine Routine aufkommen lassen; er habe gelernt, sich zu schützen. Außerdem sei er bei einem Einsatz nie allein. Vier Augen sehen mehr als zwei. Die Freiwilligen sollen sich gegenseitig beobachten und kontrollieren. Jede Unachtsamkeit kann den Tod bedeuten.

Fassbender vertraut auf die Zusage der Bundesregierung. Die hat versprochen, freiwillige Helfer im Notfall auszufliegen. In Deutschland, glaubt Fassbender, werde man ihm im Fall einer Infektion helfen können. Ursula von der Leyen hat allen Freiwilligen im Falle einer Erkrankung Hilfe versprochen. „Im Notfall können Sie sich darauf verlassen, dass Sie nach Deutschland zurückgeholt und Sie in Deutschland medizinisch behandelt werden“, sagte sie.

Auf dieses Versprechen verlassen sich die Freiwilligen. Doch dass die Verteidigungsministerin es einhalten kann, ist bisher zweifelhaft. Noch verfügt Deutschland nicht über die nötige Ausrüstung. Ein Flugzeug, das für einen solchen Einsatz ausgestattet ist, gibt es nicht. Bisher hat nur ein US-Anbieter einen kleinen Jet mit einer Isolierzelle ausgerüstet. Aktuell baut die Lufthansa einen Airbus zum „Ebola-Jet“ um. Dieser soll von der Leyen helfen, ihr Versprechen einzulösen.

Fassbender lässt sich von diesen Schwierigkeiten nicht aus der Ruhe bringen. „Das DRK und das Verteidigungsministerium tun alles, um uns gut vorzubereiten und auch im Einsatz zu schützen“, sagt er. Ist Fassbenders Vertrauen in den eigenen Arbeitgeber wirklich so groß? Oder bewahrt er sich einen Rest Naivität zum Selbstschutz, um nicht doch Angst vor dem Einsatz zu bekommen?

Noch in dieser Woche wird es losgehen. Erst vor ein paar Tagen hat Fassbender von der DRK-Zentrale in Berlin den Termin erfahren. Seit mehreren Wochen war er darauf gefasst, innerhalb kürzester Zeit über Berlin nach Westafrika ausgeflogen zu werden. Erst hieß es, der Einsatz würde Ende Oktober beginnen; schnell wurde daraus Mitte November. Jetzt ist es so weit: Am Freitag wird Fassbender das Flugzeug nach Sierra Leone besteigen. Seinen genauen Einsatzort kennt er erst seit Kurzem. Das DRK hat ein Camp in einem Ort namens Kenema vorbereitet. Ein kleineres Team wurde vorgeschickt, um den genauen Bedarf der Mission zu erkunden.

Wo Kenema liegt, wusste Fassbender bisher nicht. „Es spielt keine Rolle, in welchem Land Menschen Hilfe brauchen“, sagt er. Auch über Sierra Leone, das Ziel seiner Reise, wusste er früher wenig; letztlich war ihm das Land fast egal. Gegoogelt hat er es trotzdem.

Nähen gegen den Strich

Glimpse

Nathalie und Simon Schaller machen Mode. Damit unterstützen sie ihre Näherinnen, junge Inderinnen, die früher als Prostituierte arbeiteten

Beim Stuttgarter Modelabel Glimpse werden alle fair bezahlt, nur die Gründer nicht. Jede Woche investieren Nathalie und Simon Schaller zusammen 60 bis 80 Stunden in Glimpse – zusätzlich zu ihren Vollzeitjobs. Wenn sie am Ende des Monats nicht genug Geld durch Verkauf und Spenden eingenommen haben, um die Näherei in Mumbai zu finanzieren, bezahlen sie den Rest aus ihrer eigenen Tasche. Ein Kredit hält sie über Wasser; wenn es ganz eng wird, bitten sie ihre Eltern um zusätzliche Spenden.

Glimpse ist kein normales Modelabel. Die Stuttgarter geben sich nicht damit zufrieden, ihre Näherinnen in Indien fair zu entlohnen. Sie wollen mehr. Die Idee: In Zusammenarbeit mit einer indischen Organisation, die sich um die Nachbetreuung befreiter Zwangsprostituierter kümmert, betreibt Glimpse eine eigene Nähwerkstatt in Mumbai. Die Frauen werden ausgebildet, sie lernen Englisch und Mathematik und werden psychologisch begleitet. Ausbildung und Gemeinschaft mit anderen Frauen, die ein ähnliches Schicksal verbindet, sollen ihnen eine neue Perspektive eröffnen, damit sie in brenzligen Situationen nicht wieder in die Prostitution zurückfallen. Die Idee ist komplex. Sie erklärt sich nicht von selbst. Wollten Simon und Nathalie Schaller zu viel?

Faire Mode liegt im Trend. Die Bilder und Berichte aus Nähereien in Bangladesch, China und Indien bewegen viele Konsumenten dazu, mehr für ihre Kleidung auszugeben. Doch der Marktanteil fair produzierter Mode ist noch immer gering. Die Versuchung, auf konventionell produzierte Massenware zurückzugreifen, ist groß. Nur wenige sind bereit, für ein T-Shirt 30 Euro zu bezahlen. Das aber muss Glimpse verlangen, damit das Geschäft läuft. Ohne zusätzliche Spenden ginge die Idee nicht auf. 10000 Euro müssen sie jeden Monat an ihre Partner in Indien überweisen. Davon werden die Stoffe bezahlt, die Gehälter, die Sprachlehrerin, eine Sozialarbeiterin und vor allem: die Miete.

„Wir hätten nie gedacht, dass Mumbai so teuer ist“, sagt Nathalie Schaller. „Ein Haus dieser Größenordnung wäre in Stuttgart günstiger zu bekommen.“ Die indische Metropole gilt als eine der teuersten Städte der Welt. Anfangs wollten die Schallers ihre Näherei in Deutschland aufbauen. Zwangsprostitution ist auch in Europa ein großes Thema. Doch schnell stießen sie mit ihrer Idee an eine bürokratische Grenze: Die meisten Prostituierten auf deutschen Straßen haben keine Aufenthaltsgenehmigung; sie wurden verschleppt.

Aus Sicht des Staates halten sie sich illegal in Deutschland auf. Ohne Aufenthaltsgenehmigung dürfen sie keiner Arbeit nachgehen, eine Anstellung bei Glimpse wäre nicht möglich gewesen. Die Gesetzeslage lässt ihnen keine andere Möglichkeit als die illegale Prostitution. Über Umwege und den Kontakt zu internationalen Menschenrechtsorganisationen verschlug es Glimpse nach Indien.

Die Wohnung der Schallers ist Lager, Büro und Nähwerkstatt in einem. Hier hat Nathalie die ersten provisorischen Entwürfe für die erste Kollektion genäht. Sie war unglücklich mit ihrem Jurastudium, ging für einen Kurzzeiteinsatz in ein Heim für ehemalige Zwangsprostituierte nach Kambodscha. Als sie zurückkam, war sie wild entschlossen, solchen Frauen auf dem Weg zurück in die Gesellschaft zu helfen.

Die Idee mit der doppelt fairen Mode kam gerade recht. Das Schneidern überließ Nathalie Schaller dann einer ausgebildeten Modedesignerin und Schneidermeisterin. Teresa Göppel wurde die Dritte im Bunde. Seither kümmert sich Nathalie um alles Organisatorische, Rechtliche und Finanzielle. Das Schneidern, ihr Hobby, wollte sie zu ihrem Beruf machen. Jetzt ist ihr Beruf, die Juristerei, auch noch zu ihrem Hobby geworden. Wirklich glücklich ist sie in ihrer Rolle nicht. Doch sie tröstet sich: „Ich darf überall mitsprechen, mitentscheiden, bei den Stoffen, bei den Schnitten.“ Nathalie wird gebraucht. Das reicht ihr.

„Sie ist viel pflichtbewusster als ich“, sagt Simon. Er sieht sich eher in der kreativen Rolle. Seine Leidenschaft sind die Details. Er will etwas Sinnvolles machen. Wenn er eine Idee hat, will er sich ganz in sie hineingeben. In der Werbeagentur, dem normalen Arbeitsumfeld eines Mediendesigners, war seine Leidenschaft nicht gefragt. „Ideen sind immer etwas sehr Persönliches“, sagt er. Die eigene Passion nur mit Geld honoriert zu bekommen war ihm zu wenig. Bei Glimpse fand seine Leidenschaft einen Ort, auch wenn ein Modelabel nie sein Traum war. Er hat sich von Nathalies Idee anstecken lassen. „Es geht bei Glimpse nicht nur um die Klamotten, sondern um die Frauen“, sagt Nathalie.

Ihre Leidenschaft speisen die beiden aus ihrem Glauben. „Wir wollen nicht überall Jesus draufschreiben!“, sagt Simon; lieber will er Taten sprechen lassen. „Menschen lassen sich inspirieren und mitreißen von unserer Arbeit. Wir sehen die Fortschritte der Frauen in Indien. Das motiviert uns, mit Glimpse weiterzumachen.“ Mit Glimpse wollen Nathalie und Simon Schaller für Hoffnung und Perspektive stehen. Daran glauben sie, trotz all der Schwierigkeiten. Aber was, wenn ihre Leidenschaft ausbleibt? Kann man Gutes tun, ohne seine Kräfte richtig einzuschätzen?

„Wären wir nicht so naiv, hätten wir Glimpse nie gestartet“, sagt Simon. Die Angst, etwas Neues anzufangen, kennen die beiden nicht, Angst macht ihnen eher das Weitermachen. Einmal wagten sie auch den Versuch, sonntags eine „glimpsefreie Zone“ einzurichten. Kurz vor Mitternacht hat Nathalie dann doch noch Mails gecheckt. Die Wette hat Simon gewonnen: Jetzt muss sie im Bademantel einkaufen gehen. „Glimpse ist für uns wie ein Kind“, sagt sie mit ihrem leichten schwäbischen Akzent. „Des isch halt jetzt da.“

Nathalie, Simon und Teresa machen weiter, von Kollektion zu Kollektion; inzwischen ist die dritte veröffentlicht. Noch verkaufen sie die Stücke vor allem über den eigenen Onlineshop. Für die vierte Kollektion konnten sie auch einige Händler gewinnen. Das wird sie finanziell entlasten. Doch gleichzeitig kommt eine neue Herausforderung auf sie zu: Ihre Kunden erwarten, dass sie pünktlich liefern. Nathalie, Simon und Teresa stehen mit ihrem Unternehmen zunehmend im Spannungsfeld zwischen Kapital und Karitas. Auf der einen Seite wollen sie zuverlässige Partner für ihre Kunden sein, auf der anderen Seite können sie den Druck nicht an ihre Näherinnen in Indien weitergeben. Sie wollen helfen; dafür müssen sie verkaufen.

Am Anfang hat ihnen beim Absatz ihr Netzwerk sehr geholfen. Nathalie und Simon sind in christlichen Kreisen gut vernetzt. Freunde aus der Gemeinde gehören zu ihren festen Abnehmern. Doch vom Freundeskreis allein kann ein Unternehmen nicht leben. Viele Start-ups machen diese Erfahrung.

Zwischen der dritten und vierten Kollektion kam dann eine weitere Überraschung: Nathalie und Simon erwarten ein Kind. „Das erste ,Baby‘“, sagen sie, „sollte langsam laufen lernen.“

Viva con Agua

Christian Peitz

Christian Peitz arbeitet bei einer Versicherung. Jetzt sucht er das Risiko: Mit dem Auto will er durch Asien fahren und für sauberes Trinkwasser werben

Sechs Monate lang lag Christian Peitz auf dem Fußboden seines Zimmers und starrte an die Decke. Er hatte mit Schweißausbrüchen zu kämpfen, konnte nicht mehr zur Arbeit. Immer wieder krampfte sein rechter Oberschenkel. Peitz war noch keine 30, als die Ärzte ihm eine Spinalkanalstenose attestierten – eine Verengung des Wirbelkanals. Seine Psychologin sagte: „Menschen, die immer nach vorne wollen, bekommen eines Tages auch Probleme in den Beinen.“

Peitz ist ein Macher. Er wollte immer etwas erreichen. Vorwärtskommen. Karriere machen. Schon mit 21 gründete er mit einem Freund ein Baustoff-Outlet in seiner Heimatstadt Krefeld. Neben der Arbeit tourt er mit seiner Band The Fog Joggers, die 2012 durch die Vertonung eines Bitburger-Werbespots bekannt wurde, durch Deutschland. Schon lange vor der Diagnose hatten ihn Freunde vor dem Burnout gewarnt.

„Für Leute, die so hibbelig sind wie ich, ist Beine hochlegen keine angenehme Vorstellung“, sagt er. Jeden Tag dachte er darüber nach, ob es ihm besser gehe, ob er nicht doch wieder zur Arbeit gehen könnte. Manchmal ging er. Und meistens ging er schon vor der Mittagspause wieder nach Hause. Die Krämpfe zwangen ihn zur Ruhe. Wieder verbrachte er ganze Tage im Liegen. „Irgendwann kommt auch niemand mehr vorbei und fragt, wie es dir geht.“ Das konnte er seinen Freunden nicht übel nehmen; ausgehalten hat er es trotzdem nur schwer.

Als er damals am Boden lag und mal wieder die Wiederholung der Wiederholung einer „Simpsons“-Folge guckte, kam ihm die Idee, die ihn seither nicht mehr loslässt: „Warum nicht etwas machen, was auch anderen etwas bringt?“ Peitz entschied, dass es nicht mehr nur um seine Karriere gehen konnte. Sein Schaffen sollte Sinn haben. „Klar, ich hätte einfach richtig viel Geld verdienen können, um mir eine richtig geile Reise zu finanzieren“, sagt er. Aber er wollte ausbrechen aus der bisherigen Routine.

Während er monatelang so lag, entwickelte sich die Idee, mit einem Kleinbus über die Seidenstraße nach Peking zu fahren. 10?000 Kilometer in sechs Wochen. Über Osteuropa, die Türkei, den Iran, Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan nach Kirgisistan und schließlich: China. Am Ende, so die Idee, würde er das Auto einer gemeinnützigen Organisation in Peking überlassen. „Ein karitatives Abenteuer“, nennt Christian Peitz seine Idee.

Doch alleine wollte er das Abenteuer nicht bestreiten. So gewann er seine Freunde Oliver Juschka und Marc Buchholz für die Idee. Kurz darauf kam noch der Vater eines Bandkollegen dazu. Mit 62 Jahren ist Gerd Büttner der Älteste in der Runde. Auch er sucht den Nervenkitzel. Die Bundeswehr wird die vier Abenteurer noch mit „Männerspielzeug“ à la Indiana Jones ausstatten: Wasseraufbereitungspillen, Gaskocher, Überlebensmesser.

Christian Peitz ist sich sicher: „Alle Beteiligten werden von der Idee profitieren.“ Als Erstes soll es um Viva con Agua gehen. Die gemeinsame Kampagne der Welthungerhilfe und des Fußballclubs St. Pauli, die sich für sauberes Trinkwasser und sanitäre Grundversorgung einsetzt, soll durch die Reise mehr Aufmerksamkeit bekommen. Unterwegs plant Peitz an Orten haltzumachen, die etwas mit Viva con Agua zu tun haben: Brunnen, Toiletten oder Waschbecken, die durch das Projekt finanziert wurden. Er will mit seiner Aktion auch Unternehmen in Krefeld besser vernetzen und am Ort auf die gute Sache aufmerksam machen. Er will die alte Seidenstadt Krefeld wieder an die Seidenstraße anbinden.

Ein Krefelder Autohaus wird das Auto stellen, die örtliche Sparkasse hilft bei der Finanzierung. Zusätzlich bewirbt Peitz das Projekt mit seiner Band. Im Gegenzug dürfen alle Beteiligten sich mit seiner Idee schmücken. Am Ende sollen auch die Menschen auf der Route etwas haben von seiner Reise.

Für Peitz ist „Ein Geschenk für Viva con Agua“ nicht einfach ein weiteres Projekt auf dem Weg zum nächsten Burn?out. Das Engagement für die gute Sache lässt ihn aufblühen. „Da kann ich Frieden finden“, sagt er, „weil die Idee einfach von vorne bis hinten und für alle Beteiligten Sinn ergibt!“ Klar gehe es in letzter Konsequenz immer um einen selbst. Peitz glaubt nicht an Selbstlosigkeit. Seine Reise ist vielleicht nicht nur ein karitatives Abenteuer, sondern eher ein gemeinnütziger Egotrip.

„Was spricht dagegen, selbst auch etwas vom eigenen Engagement zu haben?“, meint Peitz. Die Frage, ob er das alles nicht doch nur für sich selbst macht, nervt ihn. Peitz wehrt sich dagegen, wenn wieder jemand hinter seiner Idee nur einen Egotrip vermutet. Er opfere schließlich seinen kompletten Jahresurlaub. Jeden Tag beantwortet Peitz E-Mails, spricht mit Sponsoren, koordiniert all die Freiwilligen, die das Projekt unterstützen wollen. Er bespielt die sozialen Netzwerke im Internet mit Informationen und betreibt eine Homepage. Außer der Route, die ihn auch durch gefährliche Regionen führen wird, muss allerlei vorbereitet werden. „Wir haben sogar einen Mullah getroffen und mit ihm über den Islam gesprochen“, erzählt Peitz. Er will auf alles vorbereitet sein und sich im Voraus bestens über die Länder und Leute informieren, durch die und zu denen die Reise führt. Seine Idee hat sich zu einem Nebenjob ausgewachsen, zu einem unbezahlten.

Doch die Frage bleibt: Warum macht einer wie Christian Peitz das? Er hätte einfach einen Gang zurückschalten, die Karriere langsamer angehen können, schließlich ist er bei einer großen Versicherung in einer für sein Alter respektablen Position gelandet. Doch eine andere Frage ist für ihn noch schwieriger zu beantworten: Wollen die Menschen, die er besuchen will, seine Hilfe überhaupt? China, das stellt sich sechs Monate vor Abreise heraus, will keine Geschenke. Die Einreise gestaltet sich zu kompliziert. Peitz und seine drei Mitstreiter müssen Abschied nehmen vom Reiseziel China. Nicht alles lässt sich planen. Das Projekt braucht einen neuen Namen. Aus „Ein Geschenk für Beijing“ wird „Ein Geschenk für Viva con Agua“. Die Reiseroute muss geändert werden. Statt bis nach Peking führt sie nun bis Veschab in Tadschikistan. Dort hat Viva con Agua einen Brunnen finanziert und gebaut. Von dort geht es dann über die nördliche Seidenstraße zurück. Das Auto wird auch nicht verschenkt, sondern zum Schluss in Hamburg versteigert.

Das alles kommt erst später. Doch die Probleme fangen schon jetzt an. Gerd, der älteste der Truppe, kann nicht mitfahren, vor Kurzem hatte er es am Herzen. Die Ärzte haben ihm Ruhe verordnet, ein Egotrip wäre jetzt nicht das Richtige. Auch kein karitativer. Für Oliver Juschka, Marc Buchholz und Christian Peitz war das ein Schock. Sie mussten sich eingestehen: Die Unwägbarkeiten beginnen lange vor dem Aufbruch. Das Abenteuer ist mehr als eine Reise.

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