Rassistisches Hin und Her

Ob der Gaucho-Tanz rassistisch war, fragen sich jetzt alle. Er ist es nicht, sagen die Einen. Andere dagegen meinen, das hätten sich die Spieler sparen können, wo sie doch die ganze WM so integrativ geglänzt haben. Dieses Hin und Her, das gerade mit unzählbar vielen Kommentaren im Netz ausgefochten wird, zeigt: Es geht bei Rassismus auch um Deutungshoheit.Rassismus ist nach dominierender Definition die Diskriminierung einer Person aufgrund oberflächlicher Merkmale. Eine Andere halte ich für plausibler: Rassismus ist ein System, das derartige Diskriminierung duldet, verteidigt und legitimiert. Deutungshoheit haben deshalb auch nicht die von Rassismus Betroffenen, sondern vor allem diejenigen, die ein diskriminierendes System privilegiert. Das zeigen die Kommentarspalten bei Facebook, die fast ausschließlich von weißen Männern besetzt sind.

Ob der Tanz also rassistisch war oder nicht, spielt keine große Rolle. Das System, dass ihn als nicht rassistisch verteidigt, heißt so oder so Rassismus. Der Tanz als Geste der Überlegenheit war vielleicht dem zehnten Bier und dem Trubel geschuldet, der einem Weltmeister widerfährt. Er wäre nicht weiter schlimm und keiner großen Beachtung wert, wäre da nicht eine Flut an Kommentaren, die eine solche Diskriminierung verharmlost.

Die Abwehrhaltung gegen jedwede Kritik an dieser WM folgt dem alten Muster von rein und unrein. Lieber werden Fehler geheiligt, als dass sie eingestanden werden. Wäre es so schlimm, die negativen Anteile an einem solchen Massenevent zu akzeptieren, zu analysieren und es in Zukunft besser zu machen? Was ist so schlimm daran, zu sagen: „Ja, der Gaucho-Tanz war rassistisch. Ja, wir entschuldigen uns für diese dämliche Geste.“? Weltmeister wäre die Mannschaft doch trotzdem.

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  1. Sorry, aber ich raff den Bohei um das Thema einfach nicht und es will sich mir beim besten Willen nicht erschließen, warum der Tanz rassistisch oder diskriminierend gewesen sein soll. „Diskriminierend“ bedeutet ja, dass jemand benachteiligt oder entwürdigt oder herabgesetzt wird. Wenn nun der Gaucho-Tanz die Argentinier herabsetzt, was macht dann ein Lied wie „Die Nummer 1 der Welt sind wir“? Das Thema ist identisch: wir haben gewonnen, ihr habt verloren. So ein Fangesang ist sicherlich keine intellektuelle Höchstleistung und auch nicht sonderlich politisch korrekt, aber rassistisch?

    Ich bin mir ziemlich sicher: hätten die Medien das Thema gestern nicht umgehend aufgegriffen, sondern kommentarlos stehen gelassen, dann hätte sich (fast) kein Mensch dran gestört. So aber wird polarisiert und ein gewiss nicht kleiner Teil der Bevölkerung rafft überhaupt nicht, was daran ein Problem sein soll.

    Übrigens: 2008 gab es beim Fanfest diesen Gesang ebenfalls. „So gehn die Spanier…“. Da hatte man sich auch drüber aufgeregt – denn wieso muss man den Gegner verspotten, wenn dieser gewonnen hat? Das Argument „rassistisch“ habe ich damals jedoch nirgendwo gehört. Wieso also heute?

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  2. Oh, meine Güte, Hannes! Ich glaube, Du verrennst Dich da in etwas!! Das ist eine Intello-Debatte, die ihren Wert aus der Intello-Debatte zieht, nicht aber aus dem Ereignis und seiner Wirkung. Das war ein Sich-Lustig-Machen (aber höchstens!) als Gewinner über Verlierer und, ja!, man kann besser gewinnen und seinen Sieg schöner und nicht herabwürdigend zelebrieren, aber ich komme schon an das Ende meiner Worte, denn das war nicht herabwürdigend, das war nur ein Spaß. Sag meinetwegen, dass dafür eintrittst, dass man Siege anders zu feiern hat. Rücke bitte aber nicht ständig und immer alles in die Nähe von Rassismus und Nationalismus. Dann nämlich hört Dir am Ende keiner mehr zu, wenn Du mal Recht haben solltest. Ich halte das aus diesem Grund nämlich sogar gefährlich, die Nationalisten- und Rassismus-Debatte zu Unzeiten anzuschmeißen.

    Was Peter bereits schrieb möchte ich unterstützen: Dieser „Tanz“ ist bereits Fußballkultur und nicht eine spontane, neue Erfindung von Klose & Co. Jeder, der da mitsang hat mitnichten andere unterdrücken wollen, sondern nur das eigene Hochgefühl feiern wollen. Ob das auf Kosten des Unterlegenen geschehen muss erscheint als richtige Frage, wäre übrigens auch meine, ist im Gewand des Rassismus-Verdachts aber überhaupt nicht angebracht. Wie heißt dieses Sprichtwort noch mal? Irgendwas mit Kanonen und Spatzen – das fällt mir dazu ein. Aber ich bekomme langsam den Eindruck, dass Du alles das darin unbedingt sehen willst und musst – weil Du selbst mit Fußball 0,0garnix anfangen kannst?! Das fände ich keine gute Einstiegsvoraussetzung zum Kommentieren von Fußballgeschehen, ehrlich gesagt.

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    • Du musst dir keine Sorgen um mich machen, Scotty. Ich verrenne mich auch nicht. Ich will und muss auch nichts im Fussball sehen. Ich halte die Ereignisse die sich um die Fussballweltmeisterschaft der Herren auftun für einen Ausdruck gesellschaftlicher Realität und diese analysiere ich. Dafür muss ich Fussball nicht gut finden. Ähnliches sehe ich auch in anderen gesellschaftlichen Ausdrucksformen. Aber jetzt ist eben gerade Fussball-WM.

      Wenn du meinen Beitrag oben noch einmal liest, fällt dir vielleicht auf, dass es mir überhaupt nicht um den Tanz selbst geht, sondern um die Verteidigung dessen als nicht-rassistisch. Ich rücke ihn auch nicht in die Nähe dessen. Ich stelle nur fest, dass niemand ihn in dieser Ecke sehen will. Diese Verteidigungshaltung und die Deutungshoheit darüber, was rassistisch ist oder nicht, nenne ich Rassismus.

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      • Ich merke, dass ich da inhaltlich, so von der Intelligenz Deiner Worte, nicht mehr mitkomme, halte mich aber durchaus für jemanden, der Rassismus erkennen und unterscheiden kann, auch im eigenen Gedankengut markieren und verurteilen kann. Ich versuche es daher mit einem Echo: Es ist rassistisch, wenn man sich festlegt, der Tanz sei nicht rassistisch gewesen? Das überzeugt mich ungefähr so sehr, wie wenn man vergisst, Straßenbahnfahrerinnen extra zu erwähnen, nachdem man als Kontrolleur freundlich alle Fahrgäste begrüßt hat und nach ihren Tickets fragt. Aber nun kommen wir auch wieder gefährlich in die Nähe der Debatte rund um den Herman-Rauswurf…

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        • Entschuldige, Scotty, ich habe mich ganz offensichtlich missverständlich ausgedrückt. Das zeigen auch die anderen Kommentare.
          Ich wollte mit meinem Kommentar nicht sagen, dass es rassistisch ist, etwas als rassistisch zu benennen. Stattdessen halte ich die Masse an Kommentaren, die sich mit aller Kraft gegen den Vorwurf des Rassismus wehren, für einen Bestandteil des rassistischen Systems, in dem wir leben. Mein Vorschlag: Warum nicht zulassen, dass es diesen Vorwurf gibt und fragen, ob da etwas dran sein könnte. Wie gesagt: Weltmeister bleibt das Team ja trotzdem.

          PS: Gäste sind geschlechtsneutral 😉

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      • Hannes – Deiner Logik zufolge müsste jede Äußerung darüber, was als rassistisch oder als nicht-rassistisch zu gelten habe, Ausdruck von Rassismus sein. Damit allerdings unterläge diese Logik Deiner eigenen Definition von Rassismus.

        Wie wäre es, wenn wir uns nach wie vor ein munteres Pro und Contra zugestehen, ohne eins davon gleich deswegen unter den Generalverdacht des Rassismus zu stellen, weil die öffentliche Mehrheit ihm (scheinbar) zustimmt? Man hat nicht automatisch recht, wenn man sich über die Dinge erhaben fühlt und sich auf eine vermeintlich sichere dritte Position (jenseits von Pro und Contra) zurückzieht.

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        • Tobias, entschuldige, ich glaube, es liegt ein Missverständnis vor. Wie ich eben bei Scotty schon geantwortet habe: Nicht die Feststellung, dass etwas rassistisch ist, halte ich für rassistisch. Das wäre ja nicht nur überheblich, sondern ziemlich bescheuert. Ich halte stattdessen die Flut der verteidigenden Kommentare für Teil eines rassistischen Systems. Davon bin ich selbstverständlich auch Teil. Ich halte mich dabei an eine Definition, die ich von Eske Wollrad gelernt habe: Rassist ist, wer sich damit nicht beschäftigen muss. Die einzige Möglichkeit, ein solche Systematik zu überwinden, ist die prophetische Selbstkritik. Diesen Kommentar habe ich also nicht nur für die, sondern auch an mich selbst geschrieben.

          Ist das verständlich?

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  3. „Diese Verteidigungshaltung und die Deutungshoheit darüber, was rassistisch ist oder nicht, nenne ich Rassismus.“

    Wenn ich etwas, das kein Rassismus ist, als „nicht rassistisch“ bezeichne, dann bin ich rassistisch? Das finde ich schon eine sehr eigenartige Aussage.

    Ansonsten stimme ich Scotty zu. Wenn überall und zu jeder Zeit „RASSISMUS“ geschrieen wird, dann hört einem irgendwann keiner mehr zu, selbst wenn man recht hat. Das hat dann was von „Life of Brian“: „Er hat ‚Jehova‘ gesagt!“

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  4. Sorry, Hannes – ich glaube, da verrennst Du Dich wirklich ziemlich.

    Du beanspruchst hier vor allem für Dich selbst die Deutungshoheit – indem Du diesen Singsang (ich fand ihn auch eher überflüssig und peinlich, aber das war zunächst einmal einfach spontaner Ausdruck meines persönlichen Geschmacks) als rassistisch kennzeichnest und eine Diskussion darüber von vornherein zu unterbinden versuchst, indem Du Widerrede gegen Deine Position als integralen Bestandteil eines rassistischen Systems brandmarkst.

    Ganz freundschaftlich (und nicht im Sinne von „lass doch mal Fünfe gerade sein“) gemeint: Mach Dich mal ein bisschen locker!

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  5. mein lieber – du hast dich doch erfolgreich gegen die WM gewehrt – u bitte – bevor du irgendetwas davon kommentierst – geh 10x ins stadion, schau dir auch spiele in ENG, ITAL an – bevor auch dazu was schreibst. das in berlin war ein spass – und es gab bei der WM keine fairere Mannschaft, die jeden verlierer respektierte u sogar nach dem historischen 1:7 – die BRA-spieler auf dem platz tröstete, anstatt auszurasten. das in berlin war HUMOR, wie auch die aktion der „neuer-WG“ – HUMOR, der uns offenbar nicht gestattet ist – bzw. immer kommentiert werden muss. (man darf sich an einer WM in BRA freuen u dort gleichzeitig den aufbau TAFELPROJEKTE untetrstützen, man darf urlaub in indien machen u gleichzeitig shalom fördern -u man/ frau muss nicht immer alles so ernstnehmen)

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    • Jöckel, eigentlich sind wir uns dann ja zumindest in deinem zweiten Punkt einig: Kritik und Genuss halten einander aus. Das ist doch genau mein Appell, auch wenn ich manche Dinge anders akzentuiere als du. Hab Spaß, lach gerne auch über schlechte Witze. Nur weil ich etwas dazu schreibe, verbiete ich dir das ja nicht. Du musst selbst entscheiden, ob du nach Kritik einen Witz noch zum Lachen findest.

      Allerdings will ich dir im ersten Punkt widersprechen: Ich muss kein einziges Spiel gesehen haben, um mich an dieser Diskussion zu beteiligen. Ich rate ja auch von Drogen ab, ohne alle ausprobiert zu haben; ich spreche über die Finanzkrise, ohne VWL studiert zu haben; ich find Feminismus gut, obwohl ich keine Frau bin. Und außerdem habe ich kein Fussballspiel kritisiert, sondern die Diskussion über einen Ausrutscher bei einem Fanfest. Dazu muss ich noch nicht mal Abseits erklären können.

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  6. Puh. Für mich liest sich das so: Du bist der Meinung (das wird anfangs noch leicht verschleiert), die Gaucho-Nummer sei Rassismus. Und nun darf ich Dir entweder zustimmen und bin aus dem Schneider, aber wenn ich Deiner Bewertung widerspreche, bin ich ein Exponent des Systems Rassismus, und das schlicht aufgrund der Tatsache, dass ich Dir widerspreche.

    Ich hätte das „Lied“ nicht gesungen, aber das gilt auch für Humba Täterää und Helene Fischer.

    Was ich inzwischen aber klarer sehe, nachdem ich Deine Kommentare ein paar Wochen verfolge: Mich stört nicht der Sachanteil, aber diese Haltung dahinter, die in diesem Post unverblümter herauskommt als bisher.

    Nenn’s wie Du willst – Ich spüre allmählich den Drang, das dämliche Gaucho-Lied aus purem Trotz zu singen.

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    • Hey Peter, auch dich habe ich wohl mit meiner Nachricht leider nicht erreicht. Dazu hat sicher meine Haltung beigetragen, mit der ich in den letzten Wochen etwas vehement in die WM gegrätscht bin. Die Gefahr, damit bei Menschen wie dir sogar eine Trotzreaktion auszulösen, gibt mir zu denken.

      Nun aber zum Thema: Wie in anderen Antworten bereits geschrieben, geht es mir gar nicht um die Gaucho-Nummer und ob sie nun rassistisch ist oder nicht. Würde ich darüber eine Aussage treffen, widerlegte ich mich ja selbst. Vielmehr störte mich die Wucht, mit der bestritten wurde, dass so eine Aktion diskriminierend sein könnte. Am deutlichsten wird das, wenn Leute schreiben: „Das war nicht rassistisch, das machen doch andere auch.“

      Mein Appel ging aber leider unter: Warum nicht einfach mal dazu stehen, dass diese Aktion diskriminierend war? Das Phänomen, negatives lieber abzuwehren und „draußen“ zu suchen, ist ja auch aus anderen Bereichen bekannt. Bei der WM scheint es mir aber doch eklatant. Man will ein ungestörtes Fest feiern und sich dabei nicht aus der Ruhe bringen lassen. Sehr verständlich, aber wünschenswert?

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