Frommes Wunschkonzert

Die Pia Desideria von Jacob Spener ist eine Schrift mit großer Wirkungsgeschichte. Sie zählt zu den wichtigsten Schriften der pietistischen Strömung. Für das Proseminar Kirchengeschichte sollten wir uns mit folgendem kurzen Ausschnitt auseinandersetzen. Meine Auseinandersetzung folgt im Anschluss. Im Nachgespräch wies mich Professor Zschoch, der das Seminar leitet, auf einige Kleinigkeiten hin. Eine davon möchte ich hier aufgreifen, da ich Spener tatsächlich etwas in seinen Text hinein gelesen habe: Er schreibt „es noch zur Zeit verlohren scheint“. In meiner Darstellung sind „sie“ es, die verloren scheinen. Wieder einmal wird an dieser Kleinigkeit deutlich, wie genau Texte  gelesen werden sollten.

„Lasset uns erstlich die jenige / welche noch selbs willig sind / was man zu ihrer Aufferbauung thut / gern anzunehmen / an meisten befohlen seyn / jeglicher in seiner Gemeinde dieselbe vor allen zu versorgen / daß sie mehr und mehr mögen wachsen zu dem maaß der Gottseligkeit / damit nachmahl ihr Exempel auch andern vorleuchte: biß wir folgends auch die jenige / bey denen es noch zur Zeit verlohren scheint / durch Göttliche Gnade allgemach näher herbeybringen / ob auch noch die endlich möchten gewonnen werden.“

Der vorliegende Auszug aus Jacob Speners „Pia Desideria“ von 1675 findet sich in der dritten Auflage von Kurt Alands 1964 erschienener Ausgabe auf Seite 8 in den Zeilen 25 bis 31.

Der kurze Auszug umfasst eine Abfolge zweier Gedanken: Erstens sollen die von sich aus zur Veränderung bereitwilligen Gemeindemitglieder versorgt werden, damit sie „mehr und mehr mögen wachsen“. An zweiter Stelle folgen in seiner Ausführung diejenigen, die bisher „verlohren“ scheinen, damit auch sie „gewonnen“ werden.

Spener geht davon aus, dass seine LeserInnen bzw. AdressatInnen gleichzeitig auch MitstreiterInnen seiner Unternehmung sind und sie mit ihm dasselbe Ziel verfolgen. Dies wird gleich im ersten Satz deutlich, durch die Ansprache in der 1. Person Plural. Sein Ziel erläutert er im Übergang vom ersten zum zweiten Gedanken: Das Wachstum der Frömmigkeit zum Vorbild für die Ungläubigen. Sie sollen durch „Göttliche Gnade“ zum Glauben gebracht werden. Das „maaß der Gottseligkeit“, das nötig sei, um Beispiel für die Ungläubigen sein zu können, wird nicht in einer Einheit angegeben. Spener setzt ein fiktives Maß voraus, das er nicht weiter spezifiziert. Es bleibt also unklar, wann dieses Maß erreicht ist, wie es erreicht wird, ob es individuell ist und woran festzustellen ist, dass es erreicht ist.

Der im zweiten Satz formulierte Gedanke, dass die Ungläubigen seiner Ansicht nach einerseits durch vorbildhaftes Verhalten und andererseits durch göttliche Gnade dem Glauben näher kommen, birgt eine gewisse Spannung in sich. Spener benennt diese Spannung jedoch nicht und löst sich folglich auch nicht auf. Es bleibt unklar, wie diese beiden Komponenten auf dem Glaubensweg der Ungläubigen zusammen kommen und wirken.

Auf den Punkt zu bringen ist der kurze Auszug aus Speners Hauptschrift mit dem Begriffsdoppel „verloren“ und gewinnen“. Für Spener ist das Ringen um die Ungläubigen eine transaktionale Handlung. Sein Ziel ist es, den Unglauben gegen den Glauben einzutauschen, als wäre dieser etwas, dass erworben werden kann. Hier ist Speners Ansatz meiner Ansicht nach zurückzuweisen. Sein Ringen ist zu würdigen und doch wird schon in diesem kurzen Auszug auch die Schwachstelle seines Werks deutlich: Die nicht messbare Größe des Glaubens einer Person und die Unverfügbarkeit desselben. Es ist unmöglich, einer Person den Glauben abzusprechen und umgekehrt ist es unmöglich, einer Person den Glauben zuzusprechen. Auch ist es unmöglich, eine Frömmigkeit vorzuleben, die andere zum Glauben bringt. Das Maß, von dem Spener als erreichbare Notwendigkeit schreibt, bleibt unerreichbar. Der Glaube ist, wie Spener selbst bemerkt und doch nicht auflöst: Gnade Gottes.

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